Ein Look-See-Trip: Beijing

Fahrt vom Flughafen in die Stadt
Fahrt vom Flughafen in die Stadt

Zurück aus Shanghai erwartete mich Beijing, mein Zustand näherte sich noch immer nicht dem Normalzustand. Fühlte sich eher wie ein look-see-trip of the living dead an, ich hätte auch ungeschminkt in einer billigen B-Produktion eines Zombie-Horrorstreifen mitspielen können, ungeschminkt.

Dafür war die Bleibe in der ich absteigen durfte um so komfortabler, es gibt garantiert schlimmere Absteigen als das Conrad Hotel der Hilton Gruppe in Beijing. Ich sage nur: Dekadenz hat einen Namen. Zwar verbesserte sich mein Zustand langsam aber mein Biorhythmus war noch immer nicht auf der Höhe, was sich in der nächsten Zeit auch nicht so schnell ändern sollte. Ich war schließlich nicht zu Spaß in Beijing: Permanent Resident Permit, so etwas wie eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, beantragen und Wohnungen anschauen musste noch erledigt werden. Dies bedeutete ausschlafen musste erstmal ausfallen.

Medical Check Up im Drehtürstil

Für die Aufenthaltserlaubnis in China ist eine medizinische Untersuchung unerlässlich. Zwar wird der Medical Check Up bei Expats auch bereits im Heimatland durchgeführt allerdings wird diese Prozedur in China wiederholt, Blut- und Röntgenbild inklusive. Meine Freundin und ich wurden für meinen Zustand definitiv viel zu früh abgeholt und zum Foreign Health Check Center im Distrikt Haidan am anderen Ende der Stadt im Westen Beijings gefahren. Nach der Anmeldung ging es gleich mit Röntgen des Brustkorbs los, kaum hatte ich die Anweisung befolgt mich vor das Gerät zustellen. War der Arzt schon kommentarlos im Raum nebenan verschwunden und die Tür hinter sich zugeknallt, das Röntgengerät hatte noch nicht aufgehört zu surren und rattern da flog die Tür schon wieder auf und mir wurde gedeutet doch nun den Röntgenraum zu verlassen. Kaum aus der Tür getreten fand ich mich bei  Kardiogrammabteilung wieder, danach ging es ruck zuck zur Blutdruckmessung, immerhin hatte die atemberaubende Geschwindigkeit in der alles ablief meinen Kreislauf merklich stabilisiert. Allerdings schwirrte mein Kopf zunehmend, es stellte sich merkliche Orientierungslosigkeit ein. Es folgten noch Blutentnahme, Sehtest, Messung von Gewicht und Körpergröße. Wie auf einen Schlag war die Prozedur beendet, ich fühlte mich als wäre ich mehrere Runden in einer Drehtür gerannt und dann aus der Tür geschleudert worden. Die Sonne strahlte über dem blauen Himmel Pekings, ich fühlte mich seltsam  leicht, konnte auch an der Blutentnahme liegen. Ich möchte an dieser Stelle unserer Relocation Managerin Linin von Asia Pacific Access danken, die sich rührend um uns kümmerte und mit der wir noch heute befreundet sind.

Look-See-Trip: Die etwas anderen Wohnungsbesichtigungen

Blick auf das Workersstadium
Blick auf das Workers Stadium

Eigentlich war der Plan keine Standard Wessi-Wohnung zu nehmen, leider war die Firma und der für uns zuständige Makler, mit dem schönen englischen Namen Harold, nicht auf Sonderwünsche ausgerichtet. Wohnen im Hutong? Seltsame Kunden sind das. Oder auch dieses Messi-Pärchen spinnt, wird es sich wohl gedacht haben.

Ein Hutgong ist ein traditionelles/altes Viertel in Peking mit regulär eher schlechter Infrastruktur hinsichtlich Strom und Abwasser inklusive Gemeinschaftstoilette auf der Straße. Aus der Sicht von Harold irgendwie nicht so Wessi geeignet. Zwar waren die Wohnungen, die er uns zeigte schön renoviert aber leider auch bereits vermietet und jene, die noch frei waren hatten den Zustand von Baustellen, aber er versuchte sein Bestes.

Grafitti Sanlitun SOHO
Grafitti Sanlitun SOHO

Wir bestaunten dennoch mehr oder weniger schön eingerichtete Appartementwohnungen im chinesisch-amerikanischen Stil mit den wohlklingenden Namen Palm Springs, Central Park, Park Avenue, Fraser Residence oder Sanlitun SOHO. Pragmatismus siegte, wie so oft in China, und wir entschieden uns für eine Wohnung in der nähe der Arbeit. Sanlitun SOHO.

 

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Konkret vor Ort: Meet and greet Shanghai

Shanghai Pudong view at night
Shanghai Pudong view at night

Meine damalige Chefin hatte ihren Listenplatz leider nicht halten können und das Wahlergebnis war nicht zu retten gewesen. Über das Wieso, Weshalb, Warum ist bereits ausreichend philosophiert worden, daher erspare ich euch weitere Ausführungen in dieser Sache. Vielleicht kommt später noch ein kleiner Exkurs dazu, aber in diesem Blog geht es ja um China und nicht um das Wahlergebnis der Partei, der ich seit 2009 angehöre.

Jedenfalls führte das Wahlergebnis 2013 dazu, dass ich mir einen neuen Job suchen musste. Damit war ich zwar nicht allein, dass war aber auch nur ein schwacher Trost. Die Bundesagentur für Arbeit des Bezirks Mitte hatte extra eine eigene Abteilung für die MdB-Mitarbeiter eingerichtet, die nun auf Jobsuche waren. Von der FDP waren auch einige Mitarbeiter anwesend, die, leicht verwirrt dreinschauend, ganz dringend auf der Suche nach einer Anschlussverwendung im kapitalistischen Arbeitsmarktsystem waren. Vor Kurzem hatten Sie noch die Kopierräume in den Bürogebäuden des Deutschen Bundestages belagert um Akten aus ihrem Büros zu schreddern, was das Zeug hält. Nun klangen ihnen wohl hoffentlich die Worte ihres Parteivorsitzenden bezüglich der ehemaligen Mitarbeiterinnen von EDEKA in den Ohren. Mein Mitleid aber ging gegen Null, Zero, Nada.

Jedenfalls hatte ich im Oktober und November 2013 ausreichend Zeit mich auf Stellensuche zu begeben, mich zu bewerben, meinen eigenen Weddingplanner zu spielen und meine Freundin nach China auf Look-See-Tour zu begleiten. Konkret bedeutete dieses Sprachmonster Look-See-Trip für mich, dass ich in kompletten Jetlag-Zustand drei Tage durch Peking gekarrt wurde um mit meiner Freundin verschiedene, mehr oder weniger schöne, Appartementwohnungen für Expats oder reiche Chinesen zu besichtigen.

Exkurs zum Begriff Expats

Expats, was so viel bedeutet wie Expatriierte, ist ein Synonym für westlicher Arbeitsimmigranten jeglicher Provenienz und ist von dem mittellateinischen expatriare, was aus der Heimat weggehen bedeutet, abgeleitet. Meistens aufgewachsen in einem westlichen Industrie- oder Finanzdienstleistungsstaat mit Hochschulabschluss und mindestens 2 bis 3 Fremdsprachen im Gepäck. Letztere Merkmale haben einige Immigranten in Deutschland zwar auch vorzuweisen, interessiert hierzulande nur so gut wie niemanden, zumal wenn diese Menschen illegal eingewandert sein sollten.

Um es mit den Worten eines ehemaligen Freundes meiner Familie zu sagen: „In Deutschland bleibt ein babbischer Jude ein babbischer Jude“. Babbisch ist Darmstädter Dialekt und kommt vom südhessischen pappig, was soviel wie klebrig aber auch schmutzig, unsauber oder schmierig bedeutet. Dieser Typ, um es auf us-amerikanisch zu sagen ein richtiger Hessian, ist daher auch eben kein Freund der Familie mehr.

Nicht-südhessisch, nicht-antisemitisch und „nur“ xenophob ausgedrückt bedeutet dies: Ein Ausländer bleibt in Deutschland anscheinend noch immer ein Ausländer, egal wie sehr die eigene Herkunft versteckt und sich angepasst wird. Da hilft anscheinend alles nichts, das gilt gerade auch für die Haltung der Behörden. Vielleicht ändert sich diese Haltung in Deutschland ja mal, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Aber zurück zu den China-Planungen und dem Look-See-Trip.

Einmal Peking – Schanghai – Peking und zurück

Der Jetlag wäre wahrscheinlich nicht so ausgefallen, immerhin hatte ich einen Finnair Flug in der Buisness-Klasse, wenn ich nicht direkt nach der Landung in Peking nach drei Stunden Wartezeit weiter nach Shanghai geflogen wäre.

In Shanghai erwartete mich ein Gespräch zwecks kennenlernen und vielleicht später mehr, also irgendwie eine Möglichkeit auf einen Job. Allerdings dann in Shanghai und nicht in Peking, das ist zwar näher als Berlin und Peking, aber so richtig überzeugt war ich nicht. Egal, Netzwerk aufbauen und so, ist ja nicht erst seit heute wichtig.

Das Gespräch während des Abendessens in einem Mexikanischen Restaurant in einer dieser weltweit austauschbaren Gated-Communities war sehr nett. Wir fachsimpelten über Energieeffizienz im Gebäudebereich, ich erzählte Anekdoten aus dem politischen Treiben in Berlin und er bot einige, manche mehr manche weniger, lustige Geschichten aus der Baubranche in China. BER-Desaster, Elbphilharmonie oder Stuttgart21? Nicht in China, wenn etwas fertig werden muss, wie vor der Olympiade 2008, dann wird es fertig. Denn die Partei macht keine Fehler. Die notwendigen Wanderarbeiter werden zusammengezogen und andere Bauarbeiten im Land halt später fertig. So What?! Die Qualität des Gebauten ist zwar ab und an durchaus streitbar, aber gut so ist das nun mal.

Nach dem Abendessen war ich zwar um einige Geschichten und Anekdoten reicher, einen neuen Job hatte ich aber noch immer nicht. Mein Körper fühlte sich komisch an dumpf und aufgedreht zugleich, totale Neugier und endloser Stumpfsinn wechselten sich ständig ab. Ich musste mich endlich mal bewegen also machte ich einen kurzen Abendspaziergang zur bekannten Uferpromenade von Shanghai genannt The Bund. Auch am nächsten Morgen hatte ich noch Bewegungsdrang, kein Wunder nach 24 Stunden herumsitzen, und wiederholte den Spaziergang vom Vorabend.

Ausgerechnet China

Es geht los. 21 Monate des diskutierens, planens und wartens sind so gut wie vorbei. Die Ziellinie ist schon zu sehen. Jetzt freue ich mich auf fünf Monate China, Korea, Vietnam – Asien ich komme!

Der ganze Sommer 2013 verbrachte meine damalige Freundin und heutige Ehefrau mit mir auf dem Tempelhofer Feld, dem ehemaligen Flughafen zwischen den Bezirken Neukölln, Kreuzberg, Schöneberg und Tempelhof, die Möglichkeit nach China zu gehen diskutierend.

Wir hatten zwar immer mal wieder besprochen wann und vor allem wohin wir für eine Zeit in das außereuropäische Ausland, wie es so schön im gedrechselten Beamtendeutsch heißt, zu gehen, dass sich uns aber nun ausgerechnet die Option China anbot löste nur bedingt Euphorie bei uns aus. Andererseits, wie oft kommt im Leben eine solche Möglichkeit, die in ein völlig unbekanntes Land führt. Klar, Thailand, Kambodscha und Laos hatten wir bereits gemeinsam gemeistert. Aber das war immer noch Urlaub gewesen. Zwei Jahre in einem fernen Land zu Leben ist dann schon etwas anderes. Und überhaupt, essen die da nicht Hunde und Affen, ist die Luft nicht zum schneiden vor Feinstaub, Schwefel, Stickstoffdioxid und Quecksilber? Die ganze Bandbreite negativer Klischees liefen im Kopfkino.

Gleichzeitig lief zunehmend der Wahlkampf für die Bundestagswahl an. Meine damalige Chefin hatte leider nicht ihren alten Listenplatz halten können, ob sie erneut in den Bundestag einziehen würde war unklar. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ob ich einen Job in neuen Büro finden würde war auch nicht klar, die Konkurrenz bei einem Legislaturwechsel ist ja nicht gerade gering. Es war in diesem Sommer nur eines klar, die alles umwogende Unklarheit. Soweit, so schlecht.